Maskenpflicht - oder nicht?

 

 

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Freie Presse – Mittweidaer Zeitung – 20. November 2020 Seite 22



Mas­ken­pflicht: Wel­ches At­test zählt?

 

Sach­sen hat die Vor­schrif­ten aus­ge­wei­tet – Nun be­schäf­ti­gen Ge­fäl­lig­keits- und ge­fälsch­te Do­ku­men­te die Be­hör­den

Die ei­nen kön­nen kei­ne Mas­ke tra­gen, die an­de­ren wol­len es nicht: Weil die Pflicht zum Tra­gen ei­ner Mund-Na­sen-Be­de­ckung im­mer mehr aus­ge­wei­tet wird, fal­len Men­schen oh­ne den Schutz um­so mehr auf. Die Po­li­zei for­dert in­zwi­schen kla­re Re­geln, um Ver­stö­ße bes­ser ahn­den zu kön­nen. Aber gibt es die nicht schon? Ein Über­blick von Ste­pha­nie We­se­ly.

 

Wer kann sich von der Mas­ken­pflicht be­frei­en las­sen?

Vor­aus­set­zung ist ein ärzt­li­ches At­test“, sagt Erik Bo­den­dieck, Prä­si­dent der Säch­si­schen Lan­des­ärz­te­kam­mer. „An­lass für die­ses At­test ist nur ei­ne ge­si­cher­te Dia­gno­se – bei­spiels­wei­se ei­ne Pho­bie, ei­ne zu schwe­rer Atem­not füh­ren­de Lun­gen­krank­heit oder schwe­re Herz­schwä­che.“ Die In­di­ka­tio­nen könn­ten aber sehr viel­fäl­tig sein, ei­ne ab­schlie­ßen­de Lis­te ge­be es nicht, sagt Bo­den­dieck. Die Ent­schei­dung, ob kei­ne Mas­ke ge­tra­gen wer­den kann, ob­lie­ge al­lein dem Arzt. Pa­ti­en­ten ha­ben kei­nen Rechts­an­spruch auf ein At­test. Es gibt aber Aus­nah­men. Zum Bei­spiel für Men­schen mit Be­hin­de­run­gen, bei ih­nen ge­nügt ein Schwer­be­hin­der­ten­aus­weis. Men­schen mit Hör- oder Sprach­be­hin­de­run­gen dür­fen zu­dem die Mas­ke ab­neh­men, wenn dies zur Kom­mu­ni­ka­ti­on mit an­de­ren er­for­der­lich ist. Auch Kin­der bis zum sechs­ten Le­bens­jahr sind au­to­ma­tisch von der Mas­ken­pflicht be­freit.

 

Muss der Schwer­be­hin­der­ten­aus­weis spe­zi­el­le An­ga­ben ent­hal­ten?

Wenn es sich um den bun­des­weit gül­ti­gen Schwer­be­hin­der­ten­aus­weis han­delt, spie­len der Grad oder die Art der Be­hin­de­rung kei­ne Rol­le für die Be­frei­ung. Spe­zi­el­le Merk­zei­chen müss­ten nicht vor­lie­gen, teilt das Säch­si­sche So­zi­al­mi­nis­te­ri­um mit.

 

Darf je­der Arzt ein At­test aus­stel­len?

Ja. Das Aus­stel­len von At­tes­ten gilt als gut­ach­ter­li­che Tä­tig­keit. Wer da­zu be­fugt ist, kann Pa­ti­en­ten auch von der Mas­ken­pflicht frei­stel­len. „Wir prü­fen die Vor­aus­set­zun­gen für ein At­test sehr sorg­fäl­tig, Ge­fäl­lig­keits­be­schei­ni­gun­gen gibt es von uns nicht“, in­for­miert der Be­rufs­ver­band der Lun­gen­fach­ärz­te in Sach­sen.

 

Dür­fen sich Men­schen mit At­test frei in der Stadt be­we­gen?

Grund­sätz­lich ja, doch soll­ten sie sich und an­de­re vor An­ste­ckung schüt­zen, zum Bei­spiel über­füll­te Nah­ver­kehrs­mit­tel, Wo­chen­märk­te oder Ein­kaufs­zen­tren mei­den, er­klärt die Lan­des­ärz­te­kam­mer. Denn die­ser Per­so­nen­kreis ha­be oft ein hö­he­res Er­kran­kungs­ri­si­ko. Das Haus­recht wird aber durch ein At­test nicht aus­ge­he­belt. Das hei­ßt, der In­ha­ber ei­nes Ge­schäf­tes oder der Fah­rer ei­nes Bus­ses oder Ta­xis kön­nen Men­schen oh­ne Mas­ke den Zu­tritt ver­weh­ren.

 

Es sol­len vie­le ge­fälsch­te At­tes­te im Um­lauf sein. Lässt sich das ver­hin­dern?

Fäl­schungs­si­cher ist heut­zu­ta­ge so gut wie gar nichts mehr“, sagt Knut Köh­ler, Spre­cher der Säch­si­schen Lan­des­ärz­te­kam­mer. Doch an die Wirk­sam­keit der Be­schei­ni­gun­gen wer­den der Kam­mer zu­fol­ge kon­kre­te An­for­de­run­gen ge­stellt. So muss ne­ben dem Na­men und dem Ge­burts­da­tum des At­test­in­ha­bers nach­voll­zieh­bar sein, wel­che kon­kre­ten ge­sund­heit­li­chen Be­ein­träch­ti­gun­gen beim Tra­gen der Mund-Na­se-Be­de­ckung zu er­war­ten sind und wor­aus die­se re­sul­tie­ren. So­weit re­le­van­te Vor­er­kran­kun­gen vor­lie­gen, sind die­se kon­kret zu be­zeich­nen. Das ver­stö­ßt auch nicht ge­gen gel­ten­de Da­ten­schutz­be­stim­mun­gen, hat kürz­lich das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Nord­rhein-West­fa­len ent­schie­den. Die pau­scha­le Aus­sa­ge, dass me­di­zi­ni­sche Grün­de dem Mas­ken­tra­gen ent­ge­gen­ste­hen, ge­nü­ge nicht. Ein At­test ist zu­dem bei Kon­trol­len im­mer im Ori­gi­nal vor­zu­le­gen. Es muss nach­prüf­bar sein, ob es von ei­nem be­rech­tig­ten Arzt stammt. Des­sen Stem­pel mit Te­le­fon­num­mer soll­te des­halb auf dem Do­ku­ment ste­hen. Wird die Echt­heit an­ge­zwei­felt, kön­nen zu­stän­di­ge Ge­sund­heits- oder Po­li­zei­be­hör­den mit der Über­prü­fung be­auf­tragt wer­den. Das Aus­stel­len von Ge­fäl­lig­keits­gut­ach­ten ver­sto­ße ge­gen die ärzt­li­che Be­rufs­ord­nung, be­tont die Ärz­te­kam­mer.

 

Gibt es in Sach­sen Hin­wei­se auf Ge­fäl­lig­keitsat­tes­te?

Wir ha­ben sol­che Hin­wei­se, je­doch nur vom Hö­ren­sa­gen. Zur Klä­rung sol­cher Hin­wei­se be­nö­ti­gen wir kon­kre­te Fäl­le mit An­ga­ben zum Hin­weis­ge­ber und zum aus­stel­len­den Arzt“, sagt Spre­cher Köh­ler.

 

Wie wird die Ein­hal­tung der Mas­ken­pflicht kon­trol­liert?

Un­se­re Mit­ar­bei­ter sind in Gro­ß­städ­ten und be­stimm­ten Re­gio­nen re­gel­mä­ßig zu Kon­trol­len un­ter­wegs. Die Bun­des­po­li­zei über­prüft un­ter an­de­rem die Ein­hal­tung der Mas­ken­pflicht auf Bahn­hö­fen“, sagt Tim Schu­bert von der Stabs­stel­le Kom­mu­ni­ka­ti­on des Lan­des­po­li­zei­prä­si­di­ums Sach­sen.

 

Wie wer­den Ver­stö­ße ge­ahn­det? Er­geht so­fort ein Bu­ß­geld­be­scheid?

Wir wol­len so we­nig wie mög­lich in die Per­sön­lich­keits­rech­te ein­grei­fen, doch gel­ten­de Re­geln müs­sen ein­ge­hal­ten wer­den“, er­klärt der Po­li­zei­spre­cher. Des­halb er­fol­ge zu­nächst ei­ne Be­leh­rung. Wer­de der Auf­for­de­rung, die Mas­ke auf­zu­set­zen, nicht nach­ge­kom­men, kön­ne an Ort und Stel­le ein Ver­warn­geld kas­siert wer­den. Das be­gin­ne bei 60 Eu­ro. „Wird die Zah­lung ver­wei­gert, er­geht ein Bu­ß­geld­be­scheid, der Be­trä­ge ab 60 Eu­ro auf­wärts be­deu­tet. In ei­ner An­hö­rung kann sich der Be­trof­fe­ne äu­ßern.“

 

Gibt es be­reits Be­wei­se, dass Mund-Na­sen-Be­de­ckun­gen vor Er­kran­kun­gen schüt­zen?

Ja, sagt Fa­bi­an Ma­gerl, Lan­des­ge­schäfts­füh­rer der Bar­mer in Sach­sen. Deut­lich wer­de das zum Bei­spiel beim Ver­gleich der An­zahl der Krank­schrei­bun­gen we­gen Atem­wegs­er­kran­kun­gen von 2019 und 2020. In der 41. Ka­len­der­wo­che – An­fang Ok­to­ber 2019 – be­traf das 1.849 bei der Bar­mer ver­si­cher­te Sach­sen. Im glei­chen Zeit­raum des Jah­res 2020 wa­ren es rund 500 we­ni­ger. „Die­se Ab­wei­chun­gen kön­nen nicht al­lein durch even­tu­ell un­ter­schied­li­che Wit­te­rungs­ver­hält­nis­se er­klärt wer­den. Die AHA-Re­geln wir­ken nach­weis­lich.“

 

Wie muss ei­ne All­tags­mas­ke be­schaf­fen sein?

Laut Bun­des­in­sti­tut für Arz­nei­mit­tel und Me­di­zin­pro­duk­te gibt es kei­ne Fest­le­gun­gen. Als All­tags­mas­ke be­zeich­net die Be­hör­de Mund-Na­se-Be­de­ckun­gen, die nicht als Me­di­zin­pro­duk­te oder per­sön­li­che Schutz­aus­rüs­tung gel­ten. Die­se oft selbst her­ge­stell­ten Mas­ken bie­ten Schutz vor Tröpf­chen. „Durch das Tra­gen kön­nen die Ge­schwin­dig­keit des Atem­stroms ein­ge­dämmt, der Aus­wurf von Spei­chel, Schleim oder Tröpf­chen re­du­ziert und das Ein­at­men von Tröpf­chen ab­ge­fan­gen wer­den.“ Die Schutz­wir­kung sei ab­hän­gig von der Dicht­heit und Qua­li­tät des Ma­te­ri­als, der An­pas­sung an die Ge­sichts­form und der An­zahl der La­gen. Fest ge­web­te Stof­fe sind bes­ser ge­eig­net als leich­te, doch ver­bo­ten sei­en Letz­te­re nicht.